Schicksal verkauft sich

Natascha Kampusch in den MedienMan muss keinem Menschen mehr erzählen, wer Natascha Kampusch ist und was ihr widerfuhr. Diese Story ist für den Medienbetrieb ein so hervorragendes Geschäft, dass auch jeder misantrophe Hinterwäldler ohne Radio, Fernseher oder Zeitungsabo davon gehört haben wird.

Das ist der Stoff, der die Menschen bewegt. Und der sich verkauft. Den Zuschauern und Lesern ebenso wie den Werbekunden der Sender und Zeitschriften. Auch Natascha hat — anders als so mancher Fortschrittsfeind unter viel besseren Bedingungen — längst begriffen, was den Wert des Menschen in der einzig denkbaren Gesellschaftsordnung ausmacht und gibt uns allen ein leuchtendes Beispiel der Selbstvermarktung. Man könnte fast denken, dass diese ganzen Subjekte, die vom Verlust der Menschlichkeit faseln, selbst mal für ein paar Jahre in völlger Isolation eingesperrt werden sollten.

Natascha hat aber auch einen hervorragenden Stab von Medienberatern um sich versammelt, die schon dafür sorgen, dass es auch ein lohnendes Geschäft wird. Das Interview im Fernsehen war nur ein erster Schritt, in den folgenden Monaten wird die ganze Story den ganz normalen Weg allen Contents gehen:

Exklusivrechte an der ganzen Geschichte werden meistbietend einer großen Illustrierten zugeschlagen, die daraus eine achtteilige Serie voller Enthüllungen und mit ausführlich beschriebenen Fotos vom Verlies macht.

Aus dem dabei entstehenden Material einer bewegenden Beziehung zwischen einem entführten Mädchen und einem Perversen wird von einem professionellen Ghostwriter ein Buch geschrieben, dass mit hohem Aufwand beworben und gut verkauft wird.

Dieses Buch wird Vorlage für einen Film, der dieses sehr bewegende Schicksal zum unvergesslichen Erlebnis für Millionen Menschen macht.

Zu diesem Film wird von einem Retortenkünstler (oder bei minimaler stimmlicher Eignung von Natascha selber) ein schnulziges Lied produziert, das mit der ganzen Macht der Musikindustrie in die Charts gedrängt wird.

Und wenn durch geeignete Methoden aufrecht erhaltene allgemeine Anteilnahme dies noch zulässt, wird abschließend ein Natascha-Musical produziert und wandert in bewegenden Aufführungen um die Welt.

Wieviel Profit und wirtschaftliches Wohlergehen doch aus einem einzigen menschlichen Schicksal entstehen kann. Wer sich für die einzige Wahrheit in einer zerfallenden Welt, für das Geld, interessiert, der kann diesem Perversen, der dies alles möglich gemacht hat, nur tief dankbar sein.

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One Comment on “Schicksal verkauft sich”

  1. baseface Says:

    Sehr feine Zusammenfassung der zukünftigen Vorgänge, ich habe mir nachdem ich 2 mal ins das Interview hineingezappt habe verkniffen etwas über Natascha und die 40 Räuber zu schreiben.

    Du kannst Dir sicher denken warum, Yussuf.

    Mutige Gradwanderung von Dir, klasse, besonders der zweite Absatz…


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